Endlich angekommen in Köln

Egal wohin die Reise führt, wir kommen immer irgendwo an. Das kann ein Café, eine Stadt oder auch ein neues Land sein. Zunächst steht nach einer langen Reise die Ankunft am neuen Ort im Vordergrund. So wie 1982 bei meinem Vater. Er traf eines Tages aufgrund der sehr schlechten wirtschaftlichen Situation in seinem Heimatland (Sri Lanka) die Entscheidung, nach Deutschland auszuwandern. Seine erste Anlaufstelle war Berlin, Zoologischer Garten. Der Gedanke an die deutsche Sprache war für ihn zu diesem Zeitpunkt sehr weit entfernt. Im Vordergrund stand die Ankunft in einem Land, in dem er weder die Menschen noch die Kultur kannte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich meine Mutter mit meinen beiden älteren Geschwistern in Sri Lanka – ein Land, das fernab von westlichen Gegebenheiten war.
Wie geht es nun weiter?
Was muss ich machen?
Wann kann ich endlich Geld verdienen?

Solche und weitere Fragen schlummerten im Kopf meines Vaters und seine Angst wuchs mit jedem Tag.
Als er in ein Asylheim in Ratingen verlegt wurde, war er in Deutschland angekommen. Doch das bedeutete nicht, dass er auch geistig in diesem für ihn so neuen Land angekommen war. Sein Grundgedanke war es, ein wirtschaftlich besseres Leben für sich und seine Familie aufzubauen, und das so schnell wie möglich. Sich mit den Sitten des Landes, in dem er jetzt lebte, auseinanderzusetzen, stand für ihn nicht auf dem Plan. Wieso auch? Seine Mission war eine andere – Geld verdienen! Und das so schnell wie möglich.
Jahre später konnte mein Vater endlich seine Frau und seine beiden Kinder nachholen. Und schließlich wartete weiterer Nachwuchs nicht lange auf sich: 1987 kam ich im Asylheim auf die Welt – ebenfalls in Ratingen. Ankunft und Ankommen war bei mir ein und dieselbe Station. Deswegen hatte ich es nicht ganz so schwer wie meine Eltern. Meine Station war der Kreißsaal des katholischen Marienkrankenhauses.

Meine Eltern waren felsenfest in ihrer Welt gefangen. Meine Mutter in der des „Kriegstraumas“ und mein Vater in seiner Welt des „Statussymbols“. Beide hatten ihre zurückgelassene Heimat Sri Lanka weiterhin im Kopf und wollten diese um jeden Preis schützen und an uns Kinder weitergeben. Bei Nichtbefolgen wurde ich bestraft. Und das stets und immer wieder, weil sich meine Station von ihren Stationen unterschied.
Ich verstand es nicht, weil ich als Kind nie die Heimat meiner Eltern sah und auch sonst keine Berührungspunkte hatte, außer die Sprache und das Essen, das meistens sehr lecker war. Meine Eltern wollten, dass ich ihre Heimatsprache in Wort und Schrift beherrschte. Ein Sprachprogramm, gegen welches ich mich aktiv wehrte, denn meine Heimat war Ratingen und meine Sprache war Deutsch.
Oder?

Ich sollte mit meinen Eltern in ihrer Heimatsprache kommunizieren, was für mich oft eine Herausforderung war, musste ich doch meine eigene Welt in die Welt meiner Eltern übertragen und übersetzen. Dies brachte sehr oft Konflikte mit sich, weil die beiden die Welt, in der ich lebte, nicht verstehen wollten und mit allen Mitteln versuchten, diese aus meinem Kopf herauszuhauen.
Meine Eltern kamen nie an, weil sie gedanklich in ihrem „Glashaus“ gefangen waren.
Wenn du irgendwo ankommen möchtest, wenn du mit deiner Seele und der Umgebung eins werden willst, dann ist es wichtig, dass du das Alte und dir Bekannte – und dazu zählt manchmal auch die alte Heimat, in der du zuvor gelebt hast – loslässt und dich auf die Reise begibst, das Neue mit all seinen Facetten kennenzulernen. Die neue Kultur und die neuen Menschen ebenso wie die neue, dir zunächst noch unbekannte Sprache. So bin ich heute erfolgreich physisch, als auch psychisch nach vier Jahren nun endlich in Köln angekommen!

Es ist wichtig, woher auch immer du kommst, dass du dein „altes Programm“, deine alte Heimat und Kultur zurücklässt und dich auf deinen eigenen Weg begibst, dich auf deine eigene Reise machst. Denn nur so kannst du tatsächlich ankommen – im Hier und Jetzt, ansonsten lebst du weiterhin in der verlassenen Welt deiner ursprünglichen Heimat.