Meine Vision für Deutschland

Immer wieder höre und lese ich in letzter Zeit, dass junge Menschen mit psychischen Problemen insbesondere im Alltag unter den Folgen leiden. Aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Barmer Ersatzkasse geht hervor, dass die Anzahl seelischer Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken etc. bei jungen Menschen, explizit bei Studenten und angehenden Akademikern, in den kommenden Jahren sogar noch steigen wird. Der Vorstandsvorsitzende Christoph Straub hat hierzu entsprechende Zahlen und Fakten vorgelegt.

Für mich allerdings ist die neue Statistik keine neue Hiobsbotschaft mehr, da es bereits zu meiner Zeit als Kind und Jugendlicher etliche Betroffene im eigenen Freundeskreis gab, die Symptome der oben beschriebenen Krankheiten zeigten, aber niemand sprach darüber. Ich spreche hier von Ritzwunden bei Mädchen oder dem Konsum von Drogen bei Jungen. Auch ich war litt einst an emotionalen Verletzungen und schwieg bewusst darüber; zum einen aus Scham und zum anderen, um die Maske der „Coolness“ aufrechtzuerhalten. Das Thema der verletzten Seele bei Frauen und Männern wird in der stetig steigenden Leistungsgesellschaft auch heute noch totgeschwiegen. Dies fängt bereits in jungen Jahren in der Schule an, nistet sich unbewusst ein und festigt sich im Erwachsenenalter, ohne dass die Betroffenen sich dessen bewusst sind. Wer im Rennen nicht mit dabei ist, der verliert; so lautet die Formel, nach der die meisten Menschen das Wohl der Seele schnell außer Acht lassen. Dies ist kein Vorwurf, sondern das Ergebnis meiner Beobachtungen. Allerdings kann man im Wettbewerb mit anderen nur dann eine gute Leistung erbringen, wenn auch die innere Balance stimmt. Ansonsten meldet sich eines Tages die Seele mit einem Notruf, der dann von Ärzten und Therapeuten wie oben erwähnt betitelt wird.

Denken wir zurück an das Jahr 2002, nämlich an den Amoklauf auf das Gutenberg Gymnasium in Erfurt durch Robert S. Oder erinnern wir uns an das Jahr 2015 und den Flugzeugabsturz der Germanwings Linie 4U-9525 durch den Co-Piloten Andreas L. Nicht zu vergessen das Jahr 2016 und der Amoklauf von München durch David S. Bei allen drei Attentätern ging es um verletzte Gefühle und nicht verarbeitete Emotionen, welche jeweils in eine Depression mündeten, die unterschiedlich ausgeprägt zum Ausbruch kam.

Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich vor dem Fernseher saß und von dem Massaker im Gutenberg Gymnasium erfuhr. Damals stellte ich mir die Frage, wie so etwas in Deutschland passieren kann und warum der neunzehnjährige Robert so gehandelt hat. Die Frage beschäftigte mich jahrelang, bis ich zu der Erkenntnis gelangte, dass auch ich einst ein Opfer unterdrückter Gefühle gewesen war, als ich nämlich das Chaos, das in meinem Zuhause herrschte, mit mir selbst ausmachte, anstatt mit jemandem darüber zu sprechen. Dieses Unterdrücken meiner Gefühle führte dazu, dass ich lange Zeit sehr aggressiv war und die Ursache meiner Aggression nicht kannte.

Um dem Wandel entgegenzuwirken, begann ich mit meiner Arbeit der Identitätsfindung an Schulen. Meine Vision für Deutschland ist es, so vielen jungen Menschen wie möglich ein emotionales Grundhandwerkszeug mitzugeben, auf das sie jederzeit zurückgreifen können, wenn eines Tages ihre Seele schmerzen sollte. Und dass es keine Amokläufe mehr an deutschen Schulen gibt! Um eine verständliche, moderne Sprache zu wählen, habe ich beschlossen, den Schülern einen Einblick in meine verletzte Seele als Kind, Jugendlicher und späterer Erwachsener zu geben und wie ich es geschafft habe, mich aus dem Strudel der verletzten Gefühle zu befreien und diese zu heilen. Die Schüler sollen sehen und erkennen, dass es nicht falsch ist, wenn man zu seinen Gefühlen steht, anstatt sie zu unterdrücken. Ich behaupte nämlich als ehemaliger Betroffener, dass die Entstehung und Entwicklung von emotionalen Verletzungen frühzeitig verhindert werden kann.