Die Gewaltspirale

Als die Kriminalstatistik für 2023 vorgestellt wurde, kam die Meldung, dass der Anstieg der Kinder- und Jugendkriminalität rasant gestiegen sei. Sie zeichnet eine Entwicklung nach, die sich in den letzten Jahren schleichend in unsere Gesellschaft eingenistet hat. Eine besorgniserregende Statistik, die die Basis der zukünftigen Gesellschaft betrifft.

Angekündigt wurde seitens der staatlichen Behörden, eine Dunkelfeldstudie zum Thema „Gewalt von Männern gegen Frauen durchzuführen, um weitere Daten zu sammeln und sie auszuwerten. Ebenfalls ist der Trend zur Kriminalität bei strafunmündigen Kindern gestiegen. Darunter fallen Delikte wie Ladendiebstahl, Rauschgiftkriminalität und die Verbreitung von Videos mit sexuellem Inhalt von Kindern an andere Kinder. In den meisten Fällen sind sich diese Kinder ihrer Handlung aber nicht wirklich bewusst, weil sie gemäß ihrer Minderjährigkeit noch unreflektiert handeln und unmündig sind. Und genau dort befindet sich meines Erachtens nach der Dreh- und Angelpunkt. Für eine Trendumkehr sollte der Fokus auf den Bildungseinrichtungen liegen und diese müssten für dieses Thema entsprechend bundesweit gezielt gefördert und geschult werden, damit Kinder bereits im Unterricht für diese Themen sensibilisiert werden. Als eine der Ursachen dieser erschreckenden Entwicklung könnte sich die „digitale Revolution“ herausstellen, die uns wie ein Schatten in den eigenen vier Wänden heimgesucht hat und heute ein fester Bestandteil des Alltags geworden ist. Der unkontrollierte Konsum von Inhalten in sozialen Medien hat bei Kindern und Jugendlichen verheerende Folgen für die emotionale Stabilität dieser heranwachsenden Persönlichkeiten. Digitale Fluchtwelten, die Gewalt verherrlichen und diese womöglich fördern können, haben bei der Zielgruppe zunehmend Anklang gefunden. Die Hemmschwelle von Jugendlichen gegenüber der Anwendung von Gewalt ist in den letzten Jahren ebenfalls stark gesunken, was die Zahlen der veröffentlichten Statistik widerspiegeln. Hinzu kommt, dass die Personallage in Schulen so angespannt ist, dass dieses Problem, mit dem sie ohnehin schon überfordert sind, nicht allein auf die Schultern der Bildungseinrichtungen abgelegt werden kann. Vielmehr sollte entsprechendes Personal aufgestockt werden, damit sie unterstützend tätig werden können.


Musik

Neben dem weitgehend ungefilterten Angebot digitaler Inhalte spielt natürlich auch die Veränderung in der Musikwelt eine weitere bedeutende Rolle für die Entwicklung von gewaltvollen Verhaltensweisen heranwachsender Kinder und Jugendlicher. Unter anderem ein Vergleich der Inhalte der Musik aus den 90er-Jahren mit dem heutigen „Gangster Rap“, der sich in den letzten zehn Jahren bei den jungen Menschen etabliert hat, könnte die Nachahmung von bzw. die Tendenz zu Gewalttaten und den Drogenkonsum aufseiten der Konsumenten erklären. Die Beschönigung solcher Taten in Strophen kann beim Hörer, der noch nicht reif genug ist, einen Anreiz zum Begehen einer Straftat darstellen. Und genau das kann sich heute schneller als noch vor 20 Jahren vollziehen. Darüber hinaus können Eltern nicht immer und überall sein. Das Modell, in dem ein Elternteil sich ganz selbstverständlich zu Hause um die Kinder kümmert, wurde vor einigen Jahren durch jenes der komplett berufstätigen Eltern abgelöst.

Abschließend ist festzustellen, dass der Einfluss der „Neuen Medien“ nicht mehr überschaubar ist und er uns eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe stellt, bei der es primär darum gehen sollte, wie wir als Kollektiv die junge Generation wieder abholen können, um das Hamsterrad der Gewalt und Aggression anzuhalten und zu zerbrechen. Schließlich sind Kinder und Jugendliche auch Resultate der gesamten Einflüsse, die sie umgeben. Das war zu meinen Kindheitstagen nicht anders – mit dem Unterschied, dass die digitale Revolution damals weit entfernt war. Etwas, was für uns nicht wirklich greifbar war, weil das Hier und Jetzt viel wesentlicher erschien. Die neuesten veröffentlichten Studien der Krankenkassen spiegeln den seelischen Zustand der jungen Generation wider. Während vor 20 Jahren noch die Altersgruppe der 40– bis 60Jährigen unter Erschöpfungszuständen (Depression, Burn-out etc.) litt, trifft es heute bereits Jugendliche und Anfang-20Jährige. Irgendwie scheint die junge Generation zu wollen, aber nicht mehr zu können. Dahinter könnte ebenfalls die These stehen, dass das ständige „OnlineSein“ (oder kurz: „On-Sein“) den Geist schlicht nicht zur Ruhe kommen lässt. Ein radikaler digitaler Detox könnte vielleicht einen ersten Schritt zurück zu sich selbst darstellen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich heute mit Mitte 30 immer mal wieder den Stecker der digitalen Welt ziehe und einfach mal „offline“ bin und die Stille, sowie den Moment des Lebens, genieße. Raus aus der ständigen Erreichbarkeit und rein in die Seele.

Denn am Ende sind es – im besten Fall – nur 100 Jahre, deren Drehbuch jeder Einzelne selbst schreibt und bestimmen kann, wie sein Lebensfilm weiterläuft…

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