Reise zu den Wurzeln

„Wo kommst du her?“ Diese Frage begleitete mich von Kindheitstagen an, und die Antwort war stets die gleiche: Sri Lanka. Von dort stammen schließlich meine Eltern. Erst als ich erwachsen wurde, verstand ich, dass mein Aussehen sofort verriet, dass ich kein Einheimischer, kein hier geborener Deutscher bin. Obwohl ich mit der Insel per se nichts zu tun hatte – bis zu meiner ersten Reise im Alter von 16 Jahren –, war sie doch ein ständiger Begleiter meines Alltags. Und irgendwann hatte ich mich an die Frage gewöhnt, sodass ich sie auch nicht falsch interpretiert habe. Sie signalisierte mir lediglich, dass das Gegenüber aus Neugier und Interesse wissen wollte, wo mein Ursprung liegt. Und genau nach diesem Ursprung habe ich mich auf die Suche gemacht.
Dabei begleiteten mich Fragen: Wie waren eigentlich meine Großeltern, die ich nie kennengelernt habe, vom Charakter her? Wie haben sie gelebt? Welchen Einfluss hatte die Umgebung auf die Erziehung meiner Eltern? So startete ich, ausgestattet mit meinem Fragen-Werkzeugkoffer im Gepäck, nach einigen Jahren wieder das Abenteuer und machte mich auf zur Perle Indiens (ehemals Ceylon).
Ich hörte oft von meinem Vater, dass ich meinem Großvater ähnel, der damals als Schuldirektor in einer Grundschule im Dorf Velanai (Nordprovinz von Jaffna) gearbeitet hat, einem kleinen, abgelegenen Dorf 20 Kilometer entfernt von Jaffna. Jaffna gilt als Hochburg der ethnischen Minderheit des Landes – der Tamilen. Einst herrschte im Land von 1983 bis 2009 Bürgerkrieg, in dem mehrere Tausend Menschen starben und der letztendlich Millionen zur Flucht trieb. Ein Krieg, der auch meine Eltern zwang, ihre Heimat zu verlassen, um in Deutschland einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Ein Krieg, der auch die Seele meiner Mutter mit Narben bedeckte, weil sie es hautnah miterlebt hat, während meinem Vater 1982 die Ausreise gelang – noch bevor 1983 die Pogrome in Colombo anfingen, als innerhalb weniger Wochen gezielt Geschäfte und Häuser von Tamilen in Brand gesetzt wurden.

Als ich nach zehn Stunden Flug endlich in der Hauptstadt Colombo ankam, merkte ich bereits mit dem ersten Atemzug, dass die Luft eine andere ist und ich im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Erde betrete.

Auf der Insel, die für viele Touristen immer noch als Urlaubsparadies gilt, trotz der erheblichen Wirtschaftskrise, die das Arbeitervolk und die Armen des Landes am meisten trifft, hatte ich ein weiteres Ziel vor Augen, nämlich so vielen Menschen wie möglich vor Ort zu helfen. So gab ich das Doppelte vom Fahrgeld, wenn ich mit dem Tuk-Tuk (Dreirad) von A nach B fuhr. Es waren umgerechnet immer drei bis vier Euro mehr. Denn eine Tatsache hielt ich mir bei meiner Ankunft vor Augen: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn mein Vater damals nicht nach Deutschland gekommen wäre? Welches Leid muss meine Mutter erlebt haben, als sie alleine während der Pogrome in der Hauptstadt war? Sie sprach nie darüber, sondern machte innerlich zu, sobald ich als Jugendlicher das Thema ansprach. Ich wollte wissen, was sie auf ihrer Flucht erlebt hatte. Vielleicht um sie ein Stück weit besser zu verstehen. Um ihre Geschichte kennenzulernen, die sie zu dem Menschen machte, der sie war. Eine starke, selbstbewusste und emanzipierte Frau, die sich durch nichts und niemanden kleinkriegen ließ. Nicht einmal durch die zahlreichen Schicksalsschläge, die sie in jungen Jahren alleine zu bewältigen hatte. Und das strahlte sie auch aus. Vielleicht habe ich genau ihren Durchhaltewillen geerbt, der mich in den vergangenen Jahren der Herausforderungen, die viel Kraft kosteten, davon abhielt, aufzugeben, auch wenn ich in manchen Momenten kurz davor war.
Ein Einblick zum Fluchthintergrund meiner Eltern: Sie war fünf Jahre alleine in Sri Lanka, als der Bürgerkrieg dort ausbrach, während mein Vater fünf Jahre im Exil war und die Hoffnung nie verlor, eines Tages meine Mutter nachzuholen. Es heißt, dass die Zeit Wunden heilt. Ich denke, dass diese Zeit meine Mutter damals sehr stark formte – zu einer stärkeren Frau, als sie es ohnehin schon war.

Und nach 40 Jahren macht sich ihr Nachwuchs auf die Suche nach genau diesen Spuren. Und da war die Frage in meinem Kopf: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich im Krieg geboren wäre? Schnell fand ich heraus, dass die Art und Weise, wie ich meine Autorenarbeit in Deutschland verrichte, in Sri Lanka so nicht möglich wäre. Zu stark ist das Patriarchat ausgeprägt und zu stark der gesellschaftliche Druck, den kulturellen Vorhang des „Scheins“ zu bewahren. Bei dieser Reise gelang es mir, in das Innenleben der Dörfer zu gelangen und mit zahlreichen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Während meiner Recherchen fand ich heraus, dass es in der Arbeiterschicht die Frauen sind, die arbeiten gehen und die Familie versorgen, während einige verheiratete Männer tagsüber am Straßenrand stehen und Alkohol trinken. Irgendwie muss die „freie“ Zeit ja vorbeigehen. Eine traurige Realität, die ich sehen konnte und die leider viel zu wenig beleuchtet wird in der medialen Berichterstattung, wenn es um das „Traumparadies“ geht. Vielleicht würde es die Realität des Betrachters verzerren … Zu Hause dürfen die Frauen natürlich nicht das Wort gegen ihren Mann erheben, da sonst das Machtverhältnis erschüttert würde. Die Hoffnung besteht, dass die Emanzipation der Frau auch in der nicht gebildeten Gesellschaftsschicht eines Tages ankommt. 1960 war Sri Lanka eines der ersten Länder in Asien, wo die erste frei gewählte Regierungschefin der Welt gewählt wurde– Srimavo Bandaranaike. Zum Glück ist es nicht die Mehrheit der Männer, die ein Problem mit der Emanzipation der Frau hat. Aber es gibt sie. Dieser Einfluss macht sich auch bei den Frauen bemerkbar, die, obwohl sie viel für das Land leisten, eher im Schatten der Männer stehen.


Als ich 20 Jahre später wieder in Jaffna ankam, sah ich die enorme Entwicklung innerhalb der Gesellschaft und der Infrastruktur. Tatsache ist, dass der Fortschritt der Technologie keine Gesellschaft von seinem Einfluss verschont. Smartphone, Internet und der unbegrenzte Zugang zu allen sozialen Medien haben die konservative tamilische Kultur verändert, die vor vielen Jahren noch einen stringenten Fahrplan hatte, an den sich möglichst alle hielten – ein gezwungenes „Korsett“, das sich langsam, aber sicher gelöst hat. Der Ton unter den Menschen ist rauer geworden, so wie auch der Umgang miteinander. 20 Kilometer weiter liegt das Dorf meines Vaters – Velanai. Dort ging ich in das seit über 50 Jahren verlassene Haus mitten im Wald. Obwohl ich so lange weg war und nie dort gelebt hatte, spürte ich eine Verbundenheit zu dem Ort und zu allen Dingen, die unmittelbar zum Haus gehörten: die Ruhe, die Natur und einfach nur das Dasein. Hier begann die Geschichte.

Die Sozialisierung, die ich von Geburt an in Deutschland erfahren habe, wurde mir noch einmal deutlich. Einige starrten mich an, weil sie bemerkten, dass ich ein „Tourist“ war. Seien es auch nur die Gangart und die europäischen Gesten, die ich im Alltag zeigte, welche mich outeten. Auch das war eine neue Erfahrung für mich: im Land meiner Eltern nicht als Einheimischer von den Menschen gesehen zu werden. Ein seltsames Gefühl, das ich im Laufe meiner Reise akzeptierte. Schnell wurde mir klar, dass ich mich in meiner Mitte wohlfühle und heute weiß, wer ich bin und wo ich hin will. Diese Erkenntnis ließ das Fremdheitsgefühl schnell wieder in den Schatten treten. Heimat ist für mich dort, wo sich meine Seele wohlfühlt, nämlich da, wo das Leben im Hier und Jetzt stattfindet. In jedem Augenblick. Mit jedem Atemzug.
Es muss kein bestimmtes Land und keine bestimmte Gesellschaft sein. Kultur ist, wie ich tagtäglich lebe und mit meinen Mitmenschen umgehe. Wie ich rede. Frei sein und sich frei fühlen.
Damals, als ich innerhalb der kulturellen Gesellschaft in Deutschland unterwegs war, habe ich mich an Normen und Regeln gehalten, weil ich dachte, dass ich es „muss“, weil es „die Gesellschaft“ so vorgibt. Die Gesellschaft – ein Zusammenschluss von wildfremden Menschen, zu denen ich überhaupt keine Beziehung habe. Dieses geistige Konstrukt konnte ich erst verstehen, als ich mich aus dem „Glashaus“ befreit habe, worin ich 24 Jahre lang lebte. Und das eines Tages in sich zusammenbrach. Das war der Beginn zur Reise ins Tal der Emotionen.


Das Patriarchat
Während in deutschen Medien fleißig über das Gendern debattiert wird und das Patriarchat in der hiesigen Gesellschaft offiziell als „ausgerottet“ gilt – aber dennoch in einigen Köpfen fest verankert ist –, genießt dieses System der Unterdrückung der Frauenrechte auf der anderen Seite der Welt seine volle Entfaltung. Für mich war es ein Schock und böser Traum zugleich, aus dem ich so schnell wie möglich wieder aufwachen wollte. In der hiesigen Welt geboren, sozialisiert und aufgewachsen, war so etwas zu sehen und zu hören nicht mit meinem Wertesystem und Weltbild zu vereinbaren. Viele Frauen trauen sich (noch) nicht, gegen das Patriarchat aufzustehen und sich aktiv zur Wehr zu setzen. Sie scheuen sich aber auch nicht zu zeigen, was sie leisten können. Ein Dilemma, in dem sie sich befinden und unter dem sie zugleich seelisch leiden. Sie trauen sich aber nicht, dies lautstark kundzutun. Vielleicht gelingt ihnen eines Tages dieser Schritt.
Als meine Reise zu Ende war, verließ ich die Insel mit der Hoffnung, dass die tamilische Gesellschaft es irgendwann offiziell akzeptiert und es zu einem Wandel im Denken und Handeln der Menschen kommt, dass die Männer ihren Stolz und ihr Ego ablegen und die Frauen endlich gleichberechtigt behandeln. Allerdings denke ich, dass es bis dahin ein sehr langer Weg ist. Ein Weg, der sich langfristig für alle lohnen würde.


Die Welle der Drogen
Nicht im Ansatz hätte ich gedacht, dass Rauschmittel innerhalb von 20 Jahren eine komplette Generation überschwemmen können, wie im Norden, der lange Zeit als Vorzeigegebiet für die alten Traditionen der Tamilen galt. Durch die Berichte meiner Verwandten und zahlreiche Begegnungen mit Einheimischen erhielt ich ein Bild, das einem Albtraum glich. Ein Grund ist unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit unter den jungen Menschen, die darunter leiden. Da bietet die „Fluchtwelt Drogen“ den idealen Nährboden, um für einen kurzen Moment aus dem Gefühl der Einsamkeit zu fliehen. Am nächsten Tag, nachdem der Rausch vorbei ist, ist die innere Wunde dann größer als zuvor und Betroffene brauchen mit der Zeit eine immer stärkere Dosis. Ein fataler Nebeneffekt, den viele Konsumierende außer außen vor lassen und dadurch unbemerkt in die Sucht fallen – ein unsichtbarer Strudel, der die Seele und den Körper in die Qual führt. So wie damals zu meiner Schulzeit einige Mitschüler der Drogensucht verfielen, und das zu Kindheitstagen, in den 90er-Jahren. Wie können junge Menschen vor diesen Versuchungen bewahrt werden?

 

Fazit
Das Gefühl der Dankbarkeit war diesmal noch stärker als je zuvor. Das Privileg, in einem Land aufgewachsen zu sein, wo ich keine Angst habe in Bezug darauf, was ich sagen darf und wie ich mich verhalte. Die vollen Züge der Demokratie auszuleben und die unendlichen Möglichkeiten, die Deutschland bietet. Das konnte ich als kleiner Junge damals nicht immer auf Anhieb erkennen und auch nicht später als Jugendlicher. Erst mit den Jahren und dem Vergleich, als ich die andere Seite der Welt sah, wurde es mir bewusst.
Ich danke auch Deutschland, dass es mir so viel ermöglichte. Etwas, was viele in der hiesigen Gesellschaft noch immer als selbstverständlich betrachten. Was wäre, wenn meine Familie nicht nach Deutschland ausgewandert, sondern dort im Krieg geblieben wäre?

Dankbar für ein Leben in Freiheit und Frieden.

Gewalt hinter den Kulissen

Wenn ich alle paar Wochen mal den Begriff der „häuslichen Gewalt“ lese, dann gehe ich immer für einen kurzen Moment emotional in meine Vergangenheit zurück. In die Schattenseite meines heutigen selbstbewussten, extrovertierten, gestandenen Mannes, der in der Öffentlichkeit steh und die Bühnen des Lebens betritt. Während dieser Zeitreise schaue ich dunkle Seite meiner Identität an, wo die Narben aus der alten Zeit zwar verheilt sind, aber auch ihre Spuren hinterlassen haben. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich hilflos, jung und schwach war. Ich kam bereits als kleiner Junge schnell damit in Kontakt zumindest mein Körper. Schnell lernte ich, dass es „normal“ ist und zur „Kultur“ dazu gehört. Ich dachte, dass es ein Teil der Erziehung aus Sri Lanka, dem Land wo meine Eltern herkommen. Es war lange Zeit ein Schattenthema von mir, mein dunkles Geheimnis, was niemand in der Schule und im Freundeskreis wissen durfte, weil ich mich dafür schämte, dass mir so etwas zuhause fast täglich passierte. Oft immer dann, wenn ich irgendwas schlimmes angestellt habe, wie zum Beispiel wenn ich mal für 20 Minuten zu spät nach Hause kam oder die Note „ausreichend“ in einem Diktat mit nach Hause brachte, wartete dort bereits eine satte Ohrfeige auf mich. Und nicht nur eine. Es sollte dazu dienen, dass ich es das nächste Mal besser machen soll, doch das verstand ich zu dem Zeitpunkt nicht, weil ich noch zu jung war, um diese Art des Erziehungsmittels aus Sri Lanka zu verstehen. Ich war zu schwach, um mich zu wehren und zu jung, um die Schmerzen auf der Seele und dem Körper selbst zu heilen. Bis zum 19 Lebensjahr kassierte ich. In der Schule, Zuhause und manchmal auch von meinen tollen „Freunden“, wenn ich mal nicht ihrer Meinung war. Die seelischen Verletzungen jedoch waren manchmal schmerzhafter, weil sie für mich länger in Erinnerung blieben, als die körperlichen Schmerzen und Narben , die mit der Zeit vergingen. Die Seele brauchte ihre Zeit zu heilen. Lange Zeit. Es war eine Reise durch das Tal der Emotionen mit samt den Höhen und Tiefen, doch ich wusste, dass ich eines Tages ein Licht am Ende des Tunnels sehen werde. Das Licht, was mich aus dem Tunnel des Schattens der Verletzungen heilt und rausholt. Wenn ich die Morgensonne sehe, so sehe ich heute das Licht der Heilung. Das Symbol, dass die Schattenseite der Vergangenheit angehört.

Wann fängt häusliche Gewalt an?

Eine körperliche und emotionale Verletzung, die in den eigenen vier Wänden stattfindet. Meistens von Familienangehörigen und manchmal aber auch von Fern Verwandten, die zuhause leben, ohne dass die Eltern es mitbekommen müssen. Eine Verletzung der eigenen Würde durch Worte und physischer Verletzung. Manchmal kann es durchaus auch eine Erniedrigung eines Erwachsenen gegenüber einem Kind sein. Auch das ist eine Form der psychischen Gewalt. Das Kind, was nicht gelernt hat sich zu wehren, ist in solchen Momenten komplett auf sich gestellt und kann sich nicht gegen die emotionalen Schläge des Erwachsenen schützen. Es lernt die Verletzungen zu ertragen, die ihre Spuren auf der Seele hinterlassen. Wenn dazu noch die physische Gewalt hinzukommt, ist die Spirale des Teufelskreises vollständig aus der sich Betroffene selten alleine befreien können. Die Suche nach einer guten Therapeutin oder Therapeuten kann hier der erste Schritt sein, um die Narben zu heilen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je früher man die Wunden anfängt zu heilen, desto schneller kann die Seele heilen, als wenn man zum Beispiel mit einem emotionalen gefüllten Damm in die Behandlung geht und erwartet das der Therapeut in einer Sitzung alles „wegzaubert“.

Was sind die Folgen?

Wenn ich an meine Kindheit -und Jugendtage zurückdenke, da habe ich mich immer dafür geschämt. Warum ich? Was habe ich gemacht? Dadurch, dass ich die meisten Erfahrungen der häuslichen Gewalt für mich behielt, füllte sich das Konto meiner Seele immer mehr, ohne das ich es in Wirklichkeit bemerkte. Immer wenn ich ein unwohles Gefühl des Schmerzes und der Einsamkeit spürte. Immer wenn ich merkte, dass andere so „etwas“ nicht zuhause erleben, dann flüchtete ich in die verschiedenen Welten. Mal war es die Welt der Freunde und mal die Nikotinwelt. Alles, bloß weg von der Ist Situation. Betroffene machen leider heute immer noch dieselben Fehler, wie ich einst zu meiner Zeit. Sie ziehen sich innerlich zurück und reden nicht darüber. Sie suchen die Fehler bei sich, obwohl sie selbst die Opfer sind. Und bestrafen sich manchmal selbst, indem sie irgendwann anfangen sich selbst nicht zu lieben. Nachdem Motto: „Wenn mich zuhause schon niemand liebt, warum sollte ich mich selbst lieben? Doch leider ist in diesem gefährlichen negativen emotionalen Hamsterrad eine unsichtbare Spirale drin, wo sich Betroffene nach einer gewissen Zeit anfangen sich in diesem geistigen Gift wohlzufühlen, so wie ich einst. In meiner Kindheit und Jugend, fing ich irgendwann an mich in dem Tunnel der dunklen Gedanken und Gefühle wohlzufühlen. Dabei sah ich nicht, dass es ein Gift war, was ich mir stets selbst zuführte. Zu vergleichen mit einer Sucht jeglicher Art. Wenn Du Betroffen bist, erkennst Du nicht, warum Du es tust, weil das Mittel in dem Moment, das Gift Dir genau das gibt, was Du glaubst zu brauchen – Ablenkung. Erst als nach dem Tod meiner Mutter im Alter von 22 Jahren freiwillig in die Therapie ging, fing die Reise zu mir selbst an. Zu meinem wahren „Ich“ und zu einer neuen „Identität“.

Gibt es ein überhaupt ein gewaltfreies Leben ohne Verletzungen?

Neben den Erfahrungen, die in der Aussenwelt verschwiegen bleiben, bis die Betroffenen anfangen darüber zu sprechen, gibt es noch den allgemeinen Alltag. Sei es die Schule oder die Arbeit. Und auch hier ist nicht jeder der netteste Wonneproppen auf Erden und behandelt einen genauso, wie sein Weltbild es ihm vorgibt. Denn woher sollen Aussenstehende wissen, dass Betroffene ein dunkles Geheimnis mit sich schleppen, wenn sie es nicht offen zeigen?

Und so füllt sich das Konto der negativen Emotionen mit der Zeit, bis eines Tages dieser innere seelische Damm bricht. Und manchmal haben Betroffene keine Kontrolle mehr über die Welle der Verletzungen, die einen heimsucht. So behaupte ich, dass es fast schon utopisch ist ein Leben ohne die Erfahrung seelischen Verletzungen zu führen. Es kann auch die rein „sachliche und raue“ Ton eines Menschen sein, den Betroffene für sich als „Verletzung“ interpretieren, wobei es nicht unbedingt eine bewusste Verletzung als solches sein muss. Die Betroffenen können den richtigen Umgang mit seelischen und körperlichen Verletzungen lernen.

Ist die Seele geheilt, wenn die Wunden geheilt sind?

Lange Zeit blockierte ich mein „Glück“ selbst, weil ich das selbst auferlegte Gift immer und immer wieder dafür nutzte, um Momente zu sabotieren, die mir für einen kurzen Moment ein „schönes“ Gefühl gaben. Einige Zeit dachte ich, dass mir so ein „Gefühl“ nicht zusteht, da ich lange Zeit die bitteren Schmerzen vom Gürtel oder Fernsehkabel spürte. Ich fühlte mich in meinem eigenem „Glashaus“ wohl und dachte, dass es für immer so ist, obwohl ich mit dem Rausschmiss im Alter von 19 Jahren danach nie wieder geschlagen worden bin. Obwohl die Gewaltspirale längst vorbei war, war der Friedhof der Verletzungen in mir noch lebendig. Hierzu passt die Geschichte des Elefanten ganz gut, der als junger Elefant an einem Baum mit einem Seil gebunden ist und sich nicht befreien kann, obwohl er es immer wieder versucht und immer wieder scheitert. Irgendwann hat er sich daran gewöhnt und als er schließlich groß und stark ist, bleibt er an diesen Baum und an dem Seil hängen, weil er denkt, dass er es sowieso nicht schafft. Die Vergangenheit wurde zu seiner Gegenwart und das obwohl er sich längst von seinem Seil befreien könnte. Und manchmal sperren wir uns selbst in unser eigenes „Glashaus“ ein und denken niemand kann uns wirklich verstehen, weil er nicht die gleichen Erfahrungen gemacht hat. Weil er nicht die Schmerzen aus der dunkelsten Zeit des eigenen Lebens kennt, als man in der Situation allein war. Die bloße Erinnerung an die einzelnen Szenen aus der Vergangenheit rufen bei manchen Betroffenen Gänsehaut und Furcht aus. So real und doch so fern, obwohl es eine Erinnerung ist. Manchmal liess ich mich von genau solch einer Erinnerung selber blockieren. Ich liess nicht zu, dass ich die Sonnenseite des Lebens geniesse, obwohl sie mir oft die Türen öffnete. Türen, die ich nicht betreten wollte. Es war eine bewusste Entscheidung gegen das Glück gewesen. Und genau da liegt das Gift verborgen, was man sich selbst zufügt. Bis mit 24 Jahren mein „Glashaus“ zusammenbrach und ich die bewusste Entscheidung traf kein neues „Glashaus“ mehr zu bauen.

Gefangen oder Befreiung?

Es gibt die innere Stimme, die einem immer wieder dann aufsucht, wenn man sich innerlich zur Ruhe setzt. Die Stimme, die einem das „normale“ Leben nicht erlauben will. Lange Jahre war diese kritische Stimme mein persönlicher Freund und treuer Begleiter gewesen, bis ich mich dazu bewusst entschied sie weiterziehen zu lassen. Erst ab diesem Zeitpunkt, konnte ich die Türen des Lebens betreten. Die Angst, dass bekannte loszulassen und die Neugier für das Unbekannte wuchs mit den Jahren. Als mein komplettes „Glashaus“ zusammenbrach kam der Impuls in mir hoch: „Ich muss etwas ändern! Und zwar jetzt und nicht Morgen!“. Ich trat eine Reise zu mir selbst an, ohne dafür einen Kompass zu haben. Im dunklen Tunnel aufzustehen und geradeaus zu gehen, ohne zu wissen, ob es am Ende ein Licht jemals geben wird. Diese Ungewissheit begleitete mich ab diesen Zeitpunkt meiner neuen Reise – Identitätsreise. Wer bin ich? Diese Frage wollte ich beantworten, ohne dafür 3 Monate in den Tempel gehen zu müssen.
Seit meinem 14 Lebensjahr meditierte ich jeden Morgen und jeden Abend vor dem Schlafengehen. Es war mein persönlicher Rückzugsort zuhause gewesen. Eine Art Balsam für die Seele, die ich täglich benutzte. Doch mit den Jahren wurde die seelische Wunde immer größer und größer. Die Herausforderungen des Lebens immer stärker. Deshalb war es auch kein Wunder, warum der innere Damm der verletzten Gefühle eines Tages brechen musste. Ich hätte mit 24 Jahren auch aufgeben können doch ganz leise sagte eine Stimme zu mir: „Einmal kommst Du nochmal wieder. Besser und stärker.“

Die neue Hoffnung

Und als ich die neue Reise zu mir machte, lichtete sich der Weg mit jedem neuen Schritt im dunklen Tunnel. Es passierten Dinge, die ich zuvor nicht im Ansatz hätte erahnen können, dass sie möglich wären. Der neue Weg, führte mich dann zu meiner heutigen Leidenschaft, zu dem heutigen neuen „Ich“. Ich fand auf meiner 8-jährigen Identitätsreise endlich die Antworten auf meine Fragen. Wer will ich sein und was sind meine Werte? Mit welchen Menschen möchte ich mich umgeben? Und wer darf in mein Leben kommen und wer nicht?
Das waren Fragen auf die ich in meinem „alten“ Leben keine Antworten hatte, weil ich sie mir nie stellte. Es interessierte mich einfach nicht, wie meine Zukunft aussehen sollte. Ich war ein wandelndes „Wrack“ gewesen, was vor sich hinlebte, bis ich mich dazu entschied dieses Wrack von Grundauf zu restaurieren und zu reparieren, bevor es zu spät ist. Ich entdeckte die Fähigkeit wieder, die ich lange Zeit in mir verborgen liess. Ich fing an mich langsam nicht nur wiederzuerkennen, sondern auch wieder zu lieben. Lange Zeit fühlte ich mich unwohl in meiner eigenen (verletzten) Haut, was kein Wunder war bei den fast täglichen Verletzungen und Narben, die ich verstecken musste. Natürlich hatte ich am Anfang Angst. Angst neue Dinge über mich zu erfahren, die längst im Dunkeln verborgen blieben. Ich sah Schattenseiten aus meiner Kindheit, die ich längst vergessen hatte. Wie zum Beispiel die Szene, als ich im Schneidersitz das Zimmer meiner ältesten Schwester aufsuchte, nachdem ich Prügel zuhause bekommen hatte. In solch einem Moment wurde die Grundlage für mein selbstverletzendes Verhalten gelegt. Und diese Grundlage musste ich ein für alle Mal sprengen. Mit samt den giftigen Gefühlen und Gedanken, die vorher mein Unterbewusstsein gesteuert haben.
Heute bin ich froh, dass ich den letzten Mut noch aufbrachte ein komplett neues Kapitel anzufangen, wo ich der Regisseur der Gefühle bin.
Betroffenen kann ich an dieser Stelle nur Mut machen nicht aufzugeben, egal wie aussichtslos die Lage auch gerade aussehen mag. Egal wie Hoffnungslos alles aktuell ist. Auch wenn man den einen oder anderen Schlag niemals vergessen kann und wird, so kann man sich eines Tages von der Platte der Gewalt lösen und eine neue Platte auflegen, wenn man es wirklich will und den Weg durch das Tal der Emotionen geht.
Ich entschied mich bewusst für ein neues Leben. Dieser Satz liest sich vielleicht so einfach, doch ein fester Entschluss ist ein neuer Schritt mit unerwarteten Dingen, die passieren können.
Nicht im Ansatz hätte ich in meinem damaligen alten „Ich“ gedacht, dass ich eines Tages vor Menschen spreche und sie erreiche. Nicht im Ansatz hätte ich gedacht, dass ich eines Tages dazu beitragen könnte, dass Leben von Menschen ins Positive zu lenken und ihnen eine Inspiration zu geben. Viel zu sehr war ich selbst einst gefangen im „Glashaus“.

Was bedeutet es „Glücklich zu sein“?

Früher dachte immer, dass Ich diesen „Zug“ verpasst habe. Erst als ich mein altes „Ich“ hinter mir liess, konnte ich dieses Gefühl in mein Leben einladen. Und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich nicht mehr geschlagen werde. Das ich nicht unter dem Tisch sitzen und weinen muss. Dass ich mich nicht einsam und allein fühle, weil ich wunderbare liebenswerte Menschen um mich herum habe, die sich um mich kümmern und mich so akzeptieren, wie ich bin.
Es ist ein langsamer Prozess aus dem gewohnten Schlamm der Depressionen und Selbstzweifel. Stück für Stück. Und dabei bin ich kein Freund von dem „Sofort Glücklich Schalter“ drücken. Veränderung ist ein Prozess und dieser Prozess darf und soll sein Zeit haben. Zeit zu gedeihen oder hast Du auch mal eine Raupe erlebt, die von heute auf Morgen zum Schmetterling wurde? Genauso kannst Du Dir diese Transformation zu einem neuen Gefühlszustand vorstellen, wie ein tägliches Training im Studio. Erstmal fängst Du langsam als Anfänger an und nach und nach steigerst Du die Gewichte. Eines Tages bist Du dann kein Anfänger mehr und eines Tages bist Du auch kein unglücklicher Mensch mehr, weil Du dich darin trainierst hast diesen Zustand auch bei Gegenwind wiederzuerlangen.

Heute gehe ich meinen Weg, ohne meine Narben aus der Vergangenheit zu leugnen oder so zu tun, als ob sie nie passiert wären. Es ist nur ein „altes Kapitel“ aus meinem Leben aber kein Kapitel, was ich jeden Tag aufs Neuste lesen muss und meinen Tag dadurch steuern lasse. Ich bin heute der DJ meines eigenen Lebens und entscheide, welche Platte ich auflege. Und wenn für Dich das alles Utopisch klingt, dann kann ich Dich voll und ganz verstehen, denn ich fühlte mich damals in meinem Nest der Einsamkeit unheimlich wohl. Ich wollte nicht, dass mich jemand stört. Ich wollte nicht befreit werden vom ständigen Schmerz. Es war mein emotionales Gift, was ich mir selbst täglich zuführte. Ich hatte Angst vor dem, was mich erwartet. Das Unbekannte, was ich nicht berechnen konnte. Was wenn das neue „Gefühl“ mir nicht die Vertrautheit gibt, die ich durch die aktuelle „Traurigkeit“ (Gift) bekomme? Was wenn ich am Ende alles verliere und nichts habe, wo ich meine Seele mitversorgen kann?
Doch ich musste mich entscheiden, als mein „Glashaus“ zusammenbrach. Ich hatte die Wahl: Entweder mache ich so weiter, wie bisher oder ich springe ins kalte Wasser. Und bis heute habe ich zu keinem Tag diese Entscheidung bereut. Auf der Reise zu mir selbst, habe ich wahre Wunder kennengelernt. Das ist aber auch nur möglich, weil ich mein Denken verändert habe. Eine bessere Version von mir selbst erlaubt habe. Das war der schwierigste Schritt. Eine neue „Identität“ zu kreieren und dabei das geistige „Wohnzimmer“ aufzuräumen.

Solltest Du Betroffen sein, so möchte ich Dich mit diesem Text ermutigen, dass auch Du eines Tages diesen Kreislauf der Gewaltspirale verlassen wirst. Und auf diesem Weg, wünsche ich Dir vom ganzen Herzen alles Gute, falls Du dich für das Tal der Emotionen entscheiden solltest.

Alles Liebe,
Dein Deva

Termine

2023
In Planung

2022
21.11  Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule |HEIMSPIEL Literaturhaus Köln| Kölner Autoren lesen
18.11  Gesamtschule | Vlotho | Kommunales Integrationszentrum Minden
15.11  Gymnasium am Steinwald | Neunkirchen | Ministerium für Integration
21.09 Fasia-Jansen-Gesamtschule | Oberhausen|Stiftung TalentMetropole Ruhr gGmbH
14.09 Droste-Hülshoff-Realschule | Dortmund| Stiftung TalentMetropole Ruhr gGmbH
18.05 Städtische Realschule Friedrich-Ebert| Ratingen
31.05 Family Solutions Jugendhilfe | Köln
13.04 Bildungsprogramm | Kloster Banz | Hans-Seidel-Stiftung
03.03 Gymnasium Klosterschule | Hamburg | Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Julius-Leber Forum
04.03 Gymnasium Wichern-Schule | Hamburg | Friedrich-Ebert-Stiftung e.V Julius-Leber Forum
21.01 Städtische Realschule im Kleefeld | Bergisch Gladbach

2021
16.11 Gymnasiumam Steinwald (Internationaler Tag gegen Rassismus ) | Neunkirchen | Ministerium für Integration
01.11 Oberschule Seifhennersdorf | Zittau
02.10 Fachtag Thüringer Landesverband der Schulfördervereine | Erfurt

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Angstfrei reden – Workshop


Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich an viele Situationen, in denen ich Gedanken und Gefühle, die mir gerade durch den Kopf gingen, gern zum Ausdruck gebracht hätte. Doch aufgrund der Tatsache, dass die anderen Erwachsene waren und sie demnach größer und älter waren als ich, traute ich mich nicht und behielt es für mich. Ich fühlte mich ihnen gegenüber körperlich und geistig unterlegen. Ein Verhalten, das sich während der Jahre meiner Entwicklung als Schüler verfestigte, ohne dass ich mir darüber im Klaren war, dass es nicht so bleiben musste. So steigerte sich mit den Jahren die Angst in mir und ich hielt an der Eigenschaft fest, in entscheidenden Situationen eben nichts zu sagen.

Ein ähnliches Verhalten trifft auch in der heutigen Zeit auf viele Heranwachsende zu, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund. Um ihre Angst zu brechen, habe ich im Jahr 2018 auf der Grundlage meiner 7-jährigen Erfahrung aus der Kinder- und Jugendarbeit diesen Workshop entwickelt. Nach erfolgreichen Testläufen in Köln startet nun das Projekt „Angstfrei reden“ offiziell.

Allgemeine Infos

Thema: Blockierende Gedanken und Gefühle bereits rechtzeitig zu erkennen und ohne „Angst“ sprechen zu können.
Stil: Workshop
Anzahl: 2 Gruppen mit jeweils 10 – 12 Schülern pro Gruppe
Größe:  10 – 12 Schülern pro Gruppe
Klasse: 7-9
Zeit:     2,5 Stunden pro Gruppe
Gesamt: 5 Stunden pro Workshop
Materialien: Moderationskoffer vorhanden
Anforderung: Pinnwand und Tafel ggf. Whiteboard
Nachbetreuung: 1 Monat| 1 mal pro Woche Skype Termin mit dem Klassenlehrer zwecks Austausch und Beratung |

Buchung: Schreiben Sie mir hierzu eine Mail mit einem Terminvorschlag und der Gruppengröße.
Kontakt: info@imglashaus.com oder 0221 42330279

Die Schüler lernen auf einer spielerischen Art und Weise, den Umgang mit dem Thema „Angst“ vor Gruppen zu sprechen, vor Erwachsenen und Autoritätspersonen und vor allem Schulhof Situationen besser umzugehen.

Sie erhalten durch Praxisbeispiele, als auch in den jeweiligen Rollenspielen innerhalb des Workshops bestimmte „Grundhandwerkzeuge“, mit denen sie ihre emotionale Welt in Zeiten der inneren Blockaden im Kopf selbst bearbeiten können. Dabei nimmt jeder Schüler eine bestimmte Position ein, die er innerhalb der Gruppe spielt. Die Schüler lernen spielerisch, wie sich das Gefühl in der jeweiligen „Rolle“ anfühlt.
Aspekte, wie der Umgang mit Mobbing, Verletzungen in der Kindheit (Schulzeit), Gruppenzwang stehen im Mittelpunkt der Arbeit.

Suizid durch Mobbing

Häufig erfahren wir in den Medien das Resultat eines abgeschlossenen Prozesses. Die Anzahl der Suizidfälle bei Jugendlichen ist besorgniserregend, ja geradezu alarmierend. Die neusten Statistiken beziffern, dass sich jeden zweiten Tag in Deutschland ein Teenager das Leben nimmt. Laut aktueller Studie betrifft es 50 Prozent der 10- bis 14-Jährigen, die mindestens einmal an Selbstmord gedacht haben, wie es der Kinder- und Jugendpsychiater Hellmuth Braun-Scharm in einem Interview für das Rheinische Ärzteblatt hervorhebt. Der bundeserregendste Fall in 2019 war der Suizid einer 11-Jährigen an einer Grundschule in Berlin. Über Wochen und Monate war sie Opfer der täglichen Hänseleien anderer Schüler, sodass sie am Ende vor lauter Verzweiflung den Freitod wählte. Der letzte Ausweg für zahlreiche Mobbingopfer, wenn sie sich einsam und allein mit ihrem Schicksal fühlen. Ähnliche Brücken sind zu vergleichbaren Fällen aus der Vergangenheit zu ziehen. Das Tatmotiv führt zum unsichtbaren Ort, der verletzten Seele hin. (Quellen: Spiegel, Tagesspiegel)

Während ich mir Gedanken darüber machte, wie es mir gelingen kann, diesen Teufelskreis ein Stückweit zu brechen, stellte ich mir die Frage, wie ich auf der Grundlage meiner gesammelten Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie der eigenen Erfahrung aus der Schulzeit gerade schwachen Schülern einen Weg aus ihrem seelischen „Gefängnis“ aufzeigen kann, sodass ihr Hilfeschrei nach außen rechtzeitig erkannt und gehört wird.

Viele Opfer verschweigen ihr Leid, was ein unsichtbares Gift für die bereits angeschlagene Seele ist. Symptome wie Ess- und Schlafstörungen sind die ersten Anzeichen der daraus resultierenden Folgen. Die Ansammlung der Verletzungen auf dem Konto der Seele. Doch was, wenn die Betroffenen lernen, rechtzeitig ihren Verletzungen eine Stimme zu geben? Wenn sie die Notbremse ziehen, bevor es zu spät ist?

Die Spur führt auf die Beseitigung des Gefühls der blockenden Angst sowohl im Kopf als auch im Herzen. Genau das Gefühl, das Opfer lähmt, dagegen anzukämpfen. Und so kann sich am Ende aus einer Schwäche eine Stärke entwickeln, die womöglich Schlimmes verhindert. Und genau hier soll der Workshop ansetzen, damit die Schüler bereits in jungen Jahren die vorhandenen Blockaden beseitigen und Angstfrei ihren Weg gehen können.

Aber soweit muss es nicht kommen, wenn Betroffene früh genug ein Handwerkzeug mit in die Hand bekommen. Auf Youtube hat der Bayerische Rundfunk zum Thema der verletzten Gefühle eine kurze Veranschaulichung dokumentiert, wie unsichtbar und plötzlich die Schattenseite der unverarbeiteten Seele sich äussern können.
Youtube: Sehdauer 04:20 Minuten
Jung, erfolgreich und depressiv: die große Traurigkeit, die keiner versteht
Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Wie erkennen und was tun?

Verletzte Gefühle und kein Ausweg?

2019 ist noch frisch, und da erreicht mich die Nachricht, dass sich in Berlin eine Grundschülerin für den Weg in den Suizid entschieden hat. Wieder ist es der Tatort Schule, und wieder ist es ein junger Mensch, der noch sein ganzes Leben vor sich hatte und aufgrund von verletzten Gefühlen, verursacht durch andere, aufgegeben hat.

Es finden sich zahlreiche Artikel zu dem Vorfall. Hervorgerufen wurde das Leid durch Mobbing in der Schule. Ein zentrales Thema, das an Schulen nicht neu ist. Vor 25 Jahren war das „Ärgern“ schwächerer Schüler durch die „stärkeren“ keine Seltenheit. Was damals noch übersichtlich in Klassenräumen und Schulhöfen vonstattenging und nach der Schule aufhörte, hat heute eine ganz neue Dimension angenommen. Der Weg führt ins Netz, wo eben nach der Schule der „Terror“ weitergeht und die betroffenen Schüler meist so verletzt und gekränkt sind, dass sie sich im Sog ihrer Trauer innerlich abschotten.

So wird es wohl auch der beschriebenen Berliner Grundschülerin ergangen sein. Doch warum entscheiden sich gerade junge Menschen für den Freitod und suchen keine Hilfe bei entsprechenden Stellen? Dieser Frage möchte ich in dem heutigen Artikel nachgehen, zumal es sich hierbei auch um den Kernpunkt meiner Arbeit handelt.

Im ständigen Austausch mit Schülern verstärkt sich in mir das Gefühl, dass junge Menschen Emotionen oftmals für sich behalten. Auch ich gehörte einst zu den Schülern, die versucht haben, ihre verletzten Gefühle nach außen hin durch eine „Maske“ zu vertuschen, bis mir diese im Alter von 24 Jahren zum Verhängnis wurde und ich damit konfrontiert wurde, eine Lösung für meine Probleme zu finden.

Allein die Tatsache, dass das Gegenüber größer ist als man selbst und eine gewisse Autorität ausstrahlt, schürt die Furcht, und dieses Gefühl findet Einzug in die Seele des Betroffenen. Derartige Verletzungen gehen also auf das Seelenkonto, und je mehr es werden, desto größer wird die innere Wunde, ohne dass der Betroffene es bemerkt. Eines Tages jedoch meldet sich die verletzte Seele mit einer gewaltigen Welle an Emotionen, die den Betroffenen überrollt und an die Wand drückt. Begriffe wie „Depressionen“, „Burnout“ und andere sind das Resultat einer solchen Welle. Erwachsene Klienten suchen in den meisten Fällen erst dann den schwierigen Weg in die Behandlung, wenn ihre Kräfte erschöpft sind. Bei Kindern und Jugendlichen ist es noch schwieriger. Ihnen fehlt die Anleitung und sie müssen durch einen sensiblen Umgang mit dem Thema darauf vorbereitet werden, Gefühle zuzulassen und die oft massiv vorhandene Scham abzulegen. Es ist nicht schlimm, sich Hilfe von außen zu suchen, wenn es nicht mehr geht.

Mobbing wird es immer geben und gab es auch schon immer, ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder in anderen Bereichen. Der erste Ansatz wäre, den Tätern und Opfern die Folgen von Mobbing zu verdeutlichen, damit der Teufelskreislauf ein Ende hat und keine weiteren (jungen) Menschen zum Opfer werden.

Falls du dich angesprochen fühlst, denk bitte daran: Es gibt immer einen Ausweg und es gibt immer Menschen, die dir helfen können. Auch anonym. An die folgenden Stellen kannst du dich rund um die Uhr wenden, wenn du seelische Schmerzen hast:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter 0800 – 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Samstag nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de

Muslimisches Seelsorge-Telefon: 24 Stunden am Tag unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil der Mitarbeiter vor Ort spricht auch Türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht über alle telefonischen, regionalen, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de.

Quelle: tagesspiegel.de, Rheinische Post

Bild: pixabay

Grips Gewinnt

Nachdem ich die Einladung als Juror zur Vergabe des Schülerstipendium Programms „grips gewinnt“ erhielt, konnte ich meine Dankbarkeit kaum in Worte fassen. Nicht im Ansatz hätte ich an solch eine verantwortungsvolle Aufgabe gedacht, die mich eines Tages auf meiner Reise durchs Leben, heimsuchen würde.

Angekommen in Hamburg erwarteten mich zwei volle Tage mit unglaublich vielen Schicksalsschlägen von jungen Menschen, die ihren Weg bereits gehen und auf diesem Weg noch einen kleinen Wegbegleiter brauchen. Und da kommt das Programm ins Spiel. Es fiel mir nicht immer einfach aus der Vielzahl der herzberührenden Geschichten eine Auswahl zu finden, doch zum Glück war ich nicht allein im Plenum und hatte eine bereits erfahrene Jurorin stets an der Seite gehabt. Der Tag begann um 09:00 Uhr und endete jeweils um 19:00 Uhr. Ich nenne es die „Power Performance Day´s“.

Am Ende der beiden Tage konnten wir alle mit einem ruhigen und guten Gewissen Hamburg verlassen. Schön war auch die Begegnung mit der deutschen Soldatin Nariman Reinke, die 2016 durch Ihren Standpunkt zum Thema der Flüchtlingsthematik eine klare Haltung zeigte und seit 2018 mit ihrem neuen Buch: Ich diene Deutschland – Ein Plädoyer für die Bundeswehr – und warum sie sich ändern muss, unterwegs ist.
Und froh einen weiteren besonderen Mensch kennengelernt zu haben, der nicht nur die Welt verbessert, sondern jungen Menschen Hoffnung gibt, eben nicht aufzugeben. Philipp Oprong Spenner.

Abschliessend bin ich der Joachim Herz Stiftung dankbar für die Einladung.

Identitätsreise: „Wer bin ich wirklich?“

Ich helfe jungen Menschen auf ihrer Such zu sich selbst und dabei nehme ich sie mit auf meine Reise ins „Glashaus” – das Tal der Emotionen. 

Vortrag mit Lesung und Diskussion

Zeit:              90 Minuten|60 Min. Lesung mit Vortrag|30 Min. Diskussion|
Größe:         100 bis 200 SuS pro Veranstaltung |
                     Bis zu 3 Veranstaltungen pro Tag möglich
Alter:           Ab 16 Jahre
Schulen:      Berufsbildende Schule|Gesamtschule|Gymnasium|Hauptschule|Realschule|
Raum:         Aula 
Mail:             info@imglashaus.com
Preis:            Auf Anfrage mit der Anzahl der gewünschten Veranstaltung

Der Vortrag arbeitet sich chronologisch durch meine Jugend bis zum Erwachsenenalter und dabei ist im Fokus, welche Hürden ich überwinden musste, um letztendlich meine Ziele zu erreichen. Hierzu werden als Belege Passagen aus dem Kapitel vorgelesen.

Aus der Sicht eines Betroffenen erhalten die Schülerinnen und Schüler ein „Grundhandwerkzeug“, mit dem sie ihre emotionale Welt in Zeiten der inneren Verletzung selbst bearbeiten können, was ihnen den Vorteil erschafft, nicht so schnell anfällig für psychische Krankheiten zu werden.

Aspekte, wie der Umgang mit Mobbing, Verletzungen in der Kindheit (Schulzeit), Gruppenzwang sind ebenfalls eines der Kernpunkte im Laufe der Identitätsreise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der Teufelskreis

Bereits vor meiner Geburt war meine Mutter depressiv, was auf das verschleppte Kriegstrauma zurückzuführen war. Eine Diagnose, die weder die Kinder noch jemals irgendwelche anderen Familienmitglieder gesehen haben. Geschweige denn, dass meiner Mutter einsichtig gewesen wäre, denn sie lebte in ihrer verschlossenen Welt. So waren ihre unkontrollierten Gefühlsausbrüche während der Erziehung eine natürlich Folge ihrer Krankheit. All dies verstand und sah ich erst, nachdem ich mich ausführlich dem Glashaus gewidmet hatte und mit meinen Forschungen im Leben zwischen den Welten begann.

Eine kleine Brücke zum Erscheinungsjahr 2012 der Erstauflage meines Buches: In Bayern wurde in einer wissenschaftlichen Studie belegt, dass ein Drittel aller Flüchtlinge unter psychosomatischen Krankheiten leidet und dass dieser Wert im Vergleich zur deutschen Bevölkerung weitaus höher liegt. Die Studie ist zu dem gleichen Schluss gekommen, wie damals und auch heute noch meine Erfahrungen zeigen, die ich während meiner Zeit als Flüchtlingsbetreuer und Leiter einer Notunterkunft gemacht habe. 2012 war dieses Thema in der Öffentlichkeit noch lange nicht so brisant wie heute.

Was ich wiedererkenne, ist das sogenannte „Hamsterrad“ oder auch den „Teufelskreislauf“ – nennen Sie es, wie Sie es wollen. Tatsache ist, dass die heute ankommenden Flüchtlinge einen erheblichen Teil an verletzten Emotionen mit sich tragen, ohne aktiv in irgendeiner Behandlung zu sein.

Die im Folgenden wiedergegebene Begegnung mit einer Frau aus Syrien spiegeln ihren seelischen Zustand wider: Im Rahmen eines Autorentreffens saß eine sehr energiegeladene Frau – lassen wir sie Mitte vierzig sein –, die dem Moderator in fast jeden dritten Satz hineinsprang. Als ich mit meinem Part fertig war und mit ihr ins Gespräch kam, sagte sie unter anderem: „Die Deutschen sind so nett. Sie tun alles, aber sie können nicht mein Herz berühren. … In meiner Heimat hatte ich ein riesengroßes Haus mit vierhundert Quadratmetern und zwei Autos, und hier bin ich nur eine Nummer.“

Auf die Frage, ob sie nicht in eine Therapie gehen wolle, erntete ich zunächst einen ernsten Gesichtsausdruck und den Mittelfinger als Protestreaktion. Dann tippte sich die Frau mit ihrem Zeigefinger an die Stirn und unterstrich ihr „Nein“ mit folgenden Worten: „Eine Therapie? Ich bin doch nicht verrückt. Ich brauche jemanden, der mein Herz berührt …“
So kann ich mich an dieser Stelle auch an eine Situation aus der Notunterkunft erinnern, in der ein älterer Mann, der allein nach Deutschland gekommen war, eines Abends versuchte, sich das Leben zu nehmen. Dieser Mann hatte die Foltermethoden in seiner Heimat am eigenen Leib erfahren und konnte die erlebten Qualen nicht mehr verarbeiten. Als ich davon erfuhr, ließ ich ihn sofort in die nächste Klinik einliefern. Einer von vielen hunderttausenden Fällen mit dem Unterschied, dass seine Probleme aufgrund seines Verhaltens rechtzeitig ans Tageslicht kamen. Doch wie viele Betroffene verhalten sich still, während ihr Innerstes längst zerstört ist?

Häufig wurde ich während meiner Zeit als Betreuer Zeuge, wie traumatisierte Eltern ihre Wut an ihren Nachwuchs weitergaben. In dem Moment des unkontrollierten Gefühlsausbruchs dienten ihnen ihre Kinder als eine Art Ventil. In dem Kapitel „Die traumatisierten Eltern“ meines Buches habe ich mich diesem Teil des Themas gewidmet.

Unabhängig vom kulturellen Hintergrund suchen Therapiebedürftige nach Gründen, um sich mit Ausreden gegen eine Therapie zu stellen, weil sie der Meinung sind, dass ein Therapeut ihnen nicht helfen kann. Den gleichen Standpunkt vertrat auch meine Mutter, obwohl ihr eine Therapie vermutlich gutgetan hätte, so wie diese vielen Menschen, die heute in unser Land kommen, guttun würde.

Mein Mutter stellte Psychotherapie mit „Verrücktheit“ gleich – ein absolutes Tabuthema. Selbst in der hiesigen Gesellschaft geht niemand offiziell zum Therapeuten, und das, obwohl die Praxen rappelvoll sind. Es bleibt wohl ein ewiges Geheimnis, wie so etwas möglich ist.

Die Verantwortung bei der Politik zu suchen, ist der falsche Ansatz. Denn zwingen kann man die betroffenen therapiebedürftigen Flüchtlinge nicht. Vielmehr muss ein Sammelraum geschaffen werden, in dem traumatisierte Menschen über das sprechen können, was ihnen widerfahren ist. Andernfalls dreht sich das Hamsterrad wie vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren weiter und die Menschen sind schnell wieder in ihrem eigenen „Glashaus“ gefangen und leben mit diesem weiter. Die Folge ist die Weitergabe der Traumaerfahrung an die eigenen Kinder, was letztendlich eine mögliche Isolation von der Gesellschaft zur Folge haben könnte. Der Nährboden für die Entstehung einer neuen Parallelgesellschaft wäre somit gegeben.

 

Quelle: Spiegel Online
Bilder: pixabay

UNICEF Studie – Deutsche Jugendliche sind Unzufrieden

Diese Meldung ist das Resultat einer digitalen Zeit, in der wir ausschließlich leben, wo fast jeder Mensch mit sich und seiner Arbeit beschäftigt ist und keinen natürlichen Ausgleich zu seinem stressigen Alltag mehr hat. Die heutige Jugend weiss, dass sie den enorm großen Anforderungen der Erwachsenen nicht mehr nachkommen kann, so flüchten sie schnell in die ihre bekannte Welt – Internet, Soziale Netzwerke, Fernsehen etc, dabei bleibt die innere Wunde unbehandelt und weiter bestehen. Weder die Eltern noch die Lehrer bekommen in Wirklichkeit etwas von dem Leid der Kinder etwas mit, denn sie selber befinden sich im Stress Modus, der sie Immun macht für die Empfindsamkeit von jungen Menschen.

Grund hierfür ist der Zeitmangel und die ständige Erreichbarkeit des Arbeitsgebers.Gerade Kinder brauchen in ihrer ersten Entwicklungsphase bishin zum Übergang zur Pubertät ein Vorbild und dieser Funktion sollten Eltern nachkommen. Fehlt diese Vorbildfunktion, so ziehen sich die Kinder innerlich verletzt zurück und die Entwicklung kommt zu einem Stillstand. Nach einigen Jahren wundern sich oft manche Eltern, warum sie ihr Kind nicht mehr erreichen können. Der Grund ist hierfür meist in der Kindheit zurück zu führen. In der Wissenschaft ist es ebenfalls nachgewiesen worden, dass Kindheitsverletzungen, die unbehandelt bleiben ausschlaggebend sind für die Entstehung einer späteren Abhängigkeit jeglicher Form.

Das Freizeitverhalten der heutigen Jugend spielt auch eine wichtige Rolle für ihr Unwohlgefühl. So verbringt ein Großteil seine Zeit hinterm Computer.

Ein möglicher Ausweg wäre mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen und sie nicht allein in ihrem Rückzugsort, nämlich im – Zimmer – zu lassen.